Liebe/lieber
Kerstin, Thomas, Frank, Michael, Dörtje-Maria, Magdalena, Serge, Juri, Harald, Michael, Godela, Gerald, Martina, Thomas, Ina, Michael, Sibylle, Felix, Corinna, Christa, Svenja, Michaela, Anne, Heino, Oliver, Werner, Georg, Christine, Jan, Kerstin, Michaela, Susanne, Patrick, Angelika, Monika, Kai, Frank, Arnd, Melanie, Sabine, Doris, Stefan, Dietmar, Holger, Frank, Silke, Frank, Alexandra, Nadja-Lisa, Ramona, Eilhard
Das Foto von der Sitzbank vorm Eingang zum Exerzitienhaus in St. Ottilien kennt ihr bestimmt schon. Der Text darauf bedeutet übersetzt so viel wie: Das wahre Leben ist Begegnung.
Wer schon im Garten hinter dem Exerzitienhaus war weiß, das dort noch mehr Bänke mit Sprüchen stehen. Ich weiß nicht, wie es dir geht: Sprüche, insbesondere „Kalendersprüche“ regen die einen zum Reflektieren an, bei anderen treffen sie Desinteresse oder gar bewusste Ablehnung. Bei meinen regelmäßigen Aufenthalten in St. Ottilien entdecke ich, selbst nach mehr als 35 Jahren, immer wieder Neues. Zum einen, weil sich selbst in einem Kloster immer etwas Neues ergibt: sei es durch Bauarbeiten, Neugestaltungen oder neue Angebote. Zum anderen, weil sich meine Aufmerksamkeit, Aufnahmefähigkeit und meine Blickwinkel ändern. Beim Grenzgänger-Seminar im September habe ich für meine persönliche Vorbereitung einige der für mich wichtig gewordenen Punkte im Klosterbereich besucht. Andere würden wohl von Kraft- oder Energieorten sprechen. Wie immer war im Stillen Garten hinter dem Ottilienheim. Auch die Abteikirche – außerhalb eines Chorgebets zählten diesmal dazu. Und ein Teil des 2014 eingeweihten Friedenswegs rund um St. Ottilien.
Sicherlich habe ich die Beschilderung der einzelnen Stationen des Friedenswegs schon mehrfach gelesen. Diesmal ist mir eine Formulierung an Station 5 „Menschen lieben“ aufgefallen, das ist die kleine Kapelle südwestlich des Klosters auf der Waldanhöhe. Dort hat mich dieser Satz berührt:
„Die göttliche Würde in jedem Menschen erkennen und ihr zu dienen …. ist Grundlage jeder Begegnungsfähigkeit“.
Als Berater und Moderator weiß ich um die Bedeutung von Begegnungsfähigkeit. Auch wenn dieser Begriff ungewohnt klingt im Gegensatz zu Empathie, offener Kommunikation oder Austausch. Geht Begegnung noch weiter? Sowohl in meinen Seminaren zum Thema Kommunikation & Moderation als auch im Grenzgänger-Seminar stelle ich die Transaktionsanalyse nach C.G. Jung vor. Danach findet echte Begegnung zwischen 2 Personen nur statt, wenn beide im Erwachsenen-Ich sind. Im Zitat werden das Erkennen der Würde und die Bereitschaft ihr zu dienen als Grundlage von Begegnung beschrieben. Damit habe ich für mich, neben den wissenschaftlichen und pseudo-wissenschaftlichen Ansätzen einen neuen Zugang zum Thema Begegnung gefunden. Mir wurde bewusst, wie sehr meine Begegnungsfähigkeit davon abhängt, wie ich über den anderen Menschen denke, was ich ihm unterstelle, was ich auf ihn projiziere. Dann bildet an Stelle seiner Würde meine Meinung die Grundlage für die Begegnung. „Die Würde erkennen und ihr dienen“. Keine leicht zu erfüllende Aufforderung. Will ich anderen Menschen dienen? Was ist wen sich andere, aus meiner Sicht, würdelos verhalten? Muss ich dann trotzdem „nett“ zu ihnen sein?
„Die Würde des Menschen ist unantastbar“,
so steht es in Artikel 1 Absatz 1 unseres deutschen Grundgesetzes. Und weiter:
„Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“.
Prima, dann soll sich doch der Staat drum kümmern! Im Ernst: Die Forderung, die Würde im Anderen zu sehen und zu achten ist nicht nur Teil des christlichen Verständnisses oder der Regel des Benedikt. Sie ist sogar Grundlage unseres gesellschaftlichen Konsenses. Und ähnlich wie andere Forderungen dieser drei Domänen ist es erstmal eine absolute Formulierung. Bei Benedikt werden z.B. auch Demut und Gehorsam absolut gefordert. Diese Forderungen gehen damit weit über das intellektuelle Verständnis für praktische Regeln des menschlichen Zusammenlebens hinaus.
Für mich hat das Zitat diese ganz praktische Bedeutung: wenn eine Begegnung mit anderen nicht gelingt, dann mache ich mir das Bild bewusst, das ich von Ihnen habe. Basiert es auf der menschlichen/göttlichen Würde, auf meinen (schlechten) Erfahrungen der Vergangenheit oder meiner aktuellen Stimmungslage? Und wen es mir immer wieder misslingt, echte Begegnung herzustellen? Dann sagt das in erster Linie etwas über mich selbst aus. Und es ist immer spannend, mehr von sich selbst zu erfahren. Bedeutet das, dass ich mich immer wieder in stressige Situationen, unschöne Gespräche und misslingenden Austausch begeben muss? Ich halte es hier mit einem anderen Zitat aus dem irischen Reisesegen „Geh deinen Weg“: „…laute und zänkische Menschen aber meide – sie sind eine Plage für dein Gemüt“. Ich kann also die Würde erkennen, die Menschen in ihrer Grundbestimmung achten – und ihnen aus dem Weg gehen. Und wenn das Gespräch, die physikalische Begegnung unumgänglich ist? Wenn ich mit Menschen zu tun habe, die förmlich Energie und Lebensfreude von mir absaugen? Dann bleibe ich bei mir, spüre in mich, erkenne die Würde des Anderen an und lerne etwas über mich selbst. Und kann meinen Fokus dann wieder auf Menschen richten, bei denen aus der Begegnung mit ihnen Kraft und Energie wächst.
Was macht Begegnungsfähigkeit für dich aus? Wie gehst du mit Menschen um, bei denen es dir schwerfällt, ihre Würde zu erkennen und ihr zu dienen? Ist das überhaupt ein erstrebenswerter Anspruch für dich?
Ich wünsche dir, begegnungsfähig zu bleiben!
An dieser Stelle auch die nächsten Termine, für die Voranmeldungen möglich sind.
- Attraversiamo – dein Weg zu dir: im Kloster St. Ottilien vom 19. bis 21. April 2024, www.attraversiamo.de
- „Zur Ruhe kommen, das Grenzgänger-Seminar für Selbstständige und andere Dauerleistende“, 26.9. bis 4.10.2024 in St. Ottilien, www.grenzgaenger-perse.de
Die genannten Termine in 2024 sind auf der Homepage noch nicht veröffentlicht und nur den bisherigen Teilnehmerinnen und Teilnehmern bzw. Interessierten der Vorjahre bekannt. Zu diesem Kreis gehörts du ja und ich würde mich freuen, mich mit dir über dein Interesse an einer der beiden Seminare auszutauschen.
Dein
Uwe
