Attraversiamo - mail für dich: Herbstgedanken (5)

5. Ausgabe von Attraversiamo - mail für dich

Liebe/ lieber Kerstin, Thomas, Frank, Michael, Dörtje-Maria, Leni, Serge, Juri, Harald, Michael, Godela, Gerald, Thomas, Michaela, Ina, Michael, Sibylle, Felix, Corinna, Christa, Svenja, Martina, Estelle, Michaela, Anne, Heino, Oliver, Werner, Monika, Georg, Christine, Jan, Kerstin, Susanne, Patrick

hallo!

mit meiner letzten mail im Juli habe ich euch Gelassenheit und Genuss am Sommer gewünscht. Inzwischen ist es Herbst geworden.

Bis weit in den Oktober warme Tage und viel Sonne bisher im November. Also äußere Einflüsse, die den Lebensgenuss fördern. Zur gleichen Zeit die Corona-Pandemie mit den Einschränkungen aus den beschlossenen und selbst auferlegten Maßnahmen, die Angst vor eigener Erkrankung oder dem Anstecken anderer, berufliche Herausforderung bis hin zur Existenzbedrohung. Zu diesem, seit Monaten beherrschenden Thema kommen dann die Dauerbrenner- und Fokusthemen. Sei es der Klimawandel, die US-Wahl, der Kampf um den nächsten Auftrag, die Überlastung im Job, die Unsicherheit und Verletzungen in persönlichen Beziehungen und und und…

„Jeder entscheidet selbst, über was er/sie sich aufregt“.

Dieser Aussage können sicherlich viele zustimmen. Und doch lade ich mir, oft unbewusst, viele Steine in meinen imaginären Tragekorb. Der hängt auf der einen Seite der Lebenswaage. Auf der anderen Seite versuche ich, möglichst viel Entspannung, Genuss und Freude zu packen. In der Mitte stehe ich mit Geist, Seele und Körper und gleiche die beiden Gewichte aus, damit wir nicht gemeinsam umkippen. So, oder so ähnlich, sah für mich mein „Work-Life-Balance Modell“ lange Jahre aus. Und entsprechend verspannt war ich, um diesen Kraftakt zu meistern. Vielleicht erinnert ihr euch an unsere Feldenkrais-Übungen. Da ging es ja auch darum, das neuromuskuläre System neu zu programmieren, um die richtigen Muskeln zu nutzen und zu neuer Beweglichkeit zu kommen. Und wenn ich Kerstin richtig in Erinnerung habe, dann können körperliche Beschwerden auch daher kommen, dass ich mit dem Körper versuche, eine Fehlstellung, z.B. durch unterschiedlich lange Beine, ständig auszugleichen.

 

Vor einigen Jahren habe ich mich vom Begriff der „Work-Life-Balance“ verabschiedet. Ich setzte mich mit ihm bis dahin unter Druck, ein irgendwie geartetes Optimum zu erreichen. Immer wieder wurde ich einem Anspruch – sei es einem an mich gesetzten, einem „hereingeholten“ oder selbst gesetztem – nicht gerecht. Also verstärkte ich meine Anstrengungen…. Statt zwischen „Work“ und „Life“ zu unterscheiden habe ich mir bewusst gemacht, und tue es noch immer, mich selbst anzunehmen wie ich bin. Aus der zwanghaften Balance ist eine Art Filter geworden. Was meinem Körper-Geist-Seele System gut tut will ich stärken und ihm mehr Raum geben. Was belastet kann ich akzeptieren und es immer mehr vermeiden und ihm weniger Raum geben. In meiner beruflichen Praxis hat das dazu geführt, das ich immer mehr von dem tue, was mir Spaß macht. Natürlich erledige ich auch Aufgaben, die mir wenig oder keinen Spaß machen.

 

Dazu eine kleine persönliche Anekdote: einige Monate, nachdem ich Elke kennen- und lieben gelernt habe durfte ich zusammen mit ihr ihre Eltern auf einem Ausflug in die Pfalz begleiten. Mittags waren wir in einem, für meine Verhältnisse gehobenem Restaurant zu Essen. Dort wurde vom Ober immer wieder die Beilagen nachgereicht. Erzogen im Sinne „erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ habe ich zuerst die Erbsen aufgegessen, um mich dann genüsslich den Pilzen zu widmen. Doch bevor es dazu kam, legte mir der Ober Erbsen nach. Das widerholte sich dreimal, bis ich satt war – die Pilze blieben fast unangerührt.

Heute würde ich natürlich dem Ober sagen, was ich will (so ich es denn weiß). So halte ich es mit meinen Gebeten und auch meinem Wünschebuch. Und ich lebe es auch. Ich habe meine Zielformulierungen aufgeben und durch das Bild von mir ersetzt, wer und wie ich bin. Und ich handle immer mehr danach, mache immer mehr von den Aufgaben, die mir Spaß machen. Mehr von den Aufgaben, die mich entwickeln. Das bringt Stärke und Stabilität in mein Körper-Seele-Geist System mit dem ich auch die anderen Aufgaben erledigen kann. Für diese Freiheit bin ich sehr dankbar. Und wenn es nicht klappt? Dann nehme ich das zur Kenntnis und mache einfach weiter ohne mich zu ärgern. Das kennt ihr ja von den Jacobsson Übungen (Progressive Muskelrelaxation).

In der letzten Woche war ich mit meiner Frau auf unserer Familienfreizeit in St. Ottilien. Vor 34 Jahren warne zum ersten Mal als Studenten dort. Später dann mit befreundeten Familien, ab 2012 dann mit euch, also „Attraversiamo – dein weg zu dir“. Wir haben genau die letzten Tage vor der erneuten Schließung des Exerzitienhauses erwischt. Das diesjährige Thema war: „Work-Life Balance: was ist wirklich wichtig im Leben?“. Wir hatten auch jeden Morgen eine kurze Andacht. In einer ging es um Steine. Auch wenn sie sich noch so ähnlich sind: jeder ist einzigartig. Er hat glatte und rauhe Stellen, Flächen und Ecken. Und wenn er auch noch so stabil aussieht: durch die Reibung an anderen Steinen und durch Wind und Wasser verändert er seine Form. Um so mehr gilt das für uns Menschen: jeder ist einzigartig und so gewollt. Daher habe ich das als Thema für eine Andacht gewählt und als Lied dazu „This is me“ aus „The Greatest Showmann“ ausgesucht.

 

So wünsche ich euch Stärke und Stabilität für Körper, Geist und Seele – um euch bewusst zu machen und anzunehmen wer und wie ihr seid und das zu leben. Zumindest jeden Tag ein kleines bisschen mehr.

 

Ich bin schon sehr gespannt, wann es Zeit für die die nächste Ausgabe von attraversioamo – mail für dich ist.

Viele Grüße

Uwe